Glutenunverträglichkeit – nie mehr Toast zum Frühstück?

Intoleranz – Teil 2: Was Zöliakie für Betroffene bedeutet

Stellen Sie sich vor, Sie kurven eine Stunde lang mit Ihrem Auto durch die Stadt, nur um einen Parkplatz zu finden. Ärgerlich, oder? Stellen Sie sich nun vor, diese Innenstadt wäre Ihr Darm und das Auto wären wichtige Nährstoffe, die vergeblich versuchen, in Ihren Körper zu gelangen. Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit kämpfen täglich mit genau diesem Problem.

Ein Leben lang. Und das sogar mit durchaus guten Aussichten! Eines sollte Ihnen von vornherein klar sein: Glutenunverträglichkeit ist mehr als eine Allergie. Bei Zöliakie, wie es Mediziner nennen, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der die genetische Veranlagung eine entscheidende Rolle spielt. Das bedeutet: Wer eine Glutenunverträglichkeit hat, hat sie sein ganzes Leben lang. Und bisher ist noch keine Methode bekannt, um Zöliakie zu heilen. Mit einer konsequenten Nahrungsumstellung können Betroffene jedoch ein ganz normales und absolut
beschwerdefreies Leben führen.

Was ist Gluten?

Gluten ist der Oberbegriff für sogenannte Klebereiweiße und verwandte Proteine. Diese Eiweiße sind unter anderem in Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel und allen daraus enstehenden Produkten enthalten und haben vorteilhafte Eigenschaften, die sie gerade für die Nahrungsmittelindustrie sehr interessant machen: Gluten geliert, emulgiert (bringt Fett mit Wasser zusammen), bindet Wasser und funktioniert sehr gut als Trägerstoff für Aromen (Ersatz für Fett).

Was ist Zöliakie?

Im Normalfall ist Gluten für unseren Körper kein Problem. Bei Menschen mit Glutenunverträglichkeit verursachen diese Klebereiweiße jedoch eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut und hindern sie zunehmend daran, lebenswichtige Nährstoffe aufzunehmen. Und das führt früher oder später zu schwerwiegenden Mangelerscheinungen und ernsthaften Folgeerkrankungen.

Diagnosemöglichkeiten

In Deutschland trägt jeder achthundertste Bürger die Voraussetzungen für Zöliakie in sich. Das schätzen offizielle Studien. Die Vielzahl möglicher Anzeichen und das Fehlen eindeutiger Symptome machen die Diagnose extrem schwierig und legen sogar ein realistisches Verhältnis von 1:300 nahe. Die ersten Symptome können sich beispielsweise erst mit dreißig oder vierzig Jahren zeigen, auch wenn man die Glutenunverträglichkeit schon sein ganzes Leben in sich trägt.

Mögliche Diagnoseergebnisse

1) Biopsie √ Antikörpertest √ = Zöliakie bestätigt
2) Biopsie x Antikörpertest x = Zöliakie ausgeschlossen
3) Biopsie √ Antikörpertest x = Zöliakie wahrscheinlich, Kontrollbiopsie nach 6 Monaten glutenfreier Diät
4) Biopsie x Antikörpertest √ = Glutenüberempflindlichkeit, Kontrollbiopsie nach
längerer Glutenbelastung

Zöliakie ist ein Chamäleon unter den Krankheiten. Ob Sie an Zöliakie leiden, kann Ihr Arzt nur auf eine Weise sicher feststellen

Mit einer Darmbiopsie kann eine Zöliakie festgestellt werden. Das klingt sehr unangenehm,
ist tatsächlich aber nicht schmerzhaft. Bei einem Verdacht können Bluttests entsprechende
Hinweise geben und den Grund für eine entsprechende Biopsie liefern.

Ergebnis positiv?

Dann bedeutet das eine strikte glutenfreie Ernährung plus weitere Einschränkungen für den Rest Ihres Lebens. Mit Sicherheit ein bedeutender Einschnitt, aber gleichzeitig auch die Chance auf ein völlig beschwerdefreies Leben.

Die Hürden des Alltags

  • Gluten kommt auch in Arzneimitteln und Kosmetikprodukten zum Einsatz
  • Die Nahrungsmittelindustrie nutzt die Eigenschaften von Gluten in vielen Produkten wie
    gebundenen Soßen, Suppen, Fertiggerichten wie zum Beispiel Pudding, Pommes frites, Kroketten, Kartoffelpuffer, Wurst und Würstchen, Frischkäse mit Kräutern, Eis, Milchprodukte
    mit Frucht, Nuss-Nougat-Cremes, fettreduzierten Produkten, Ketchup, Senf, auch Gewürzmischungen und Schokolade.
  • spezielle glutenfreie Produkte bedeuten zusätzliche Kosten
  • jeder Ausrutscher hat Konsequenzen
  • Folgen treten möglicherweise erst nach Jahren auf und können sich in unterschiedlicher Form und Intensität zeigen.
    Schlemmen auch weiterhin möglich?

Wer einmal raus hat, welche Lebensmittel glutenfrei sind, kann mit ihnen wunderbar kochen und backen. Brot, Brötchen, Nudeln, Pizza, Kuchen und Torten lassen sich auch mit Reismehl, Mais- oder Kartoffelmehl und glutenfreien Getreidesorten wie Amaranth, Buchweizen, Hirse und Quinoa herstellen. Bei Kuchen und Torten kommen gemahlene Haselnüsse und Mandeln verstärkt zum Einsatz. Spezialitäten aus südlichen Ländern wie Polenta, Reis- und Hirsegerichte bereichern den Speisezettel noch um exotische Noten. Und leckere Soßen haben gute Köche schon immer ohne die berühmtberüchtigte Mehlschwitze zubereitet. Wer nicht alles
selber machen will, kann Brot, Teigwaren und Backmischungen auch im Reformhaus oder bei speziellen Herstellern besorgen.

Im Restaurant sollten Sie den Kellner und die Köche über Ihre Glutenunverträglichkeit informieren, Sie können Ihnen dann bei der Essensauswahl behilflich sein. Oder Sie wählen aus der Speisekarte Gerichte, die naturbelassen sind: zum Beispiel Fleisch oder Fisch ohne Panade und Soße, dafür mit Gemüse und Salat, angemacht mit Essig und Öl. Im Zweifelsfall fragen Sie jedoch lieber nochmals nach der Zubereitung.

Bei Geburtstagen und Partys nehmen Sie einfach Ihr eigenes Brot mit. Sprechen Sie mit
Freunden über Ihre Krankheit. Jeder hat dann Verständnis, wenn Sie bei Einladungen eventuell
glutenfreies Gebäck oder Brot mitbringen.

Betroffene sind nicht allein!

Die Deutsche Zöliakiegesellschaft ist ein eingetragener Verein mit professioneller Organisation und direkten Kontakten zu Industrie und Nahrungsmittelherstellern. Hier finden Menschen mit Zöliakie und ihre Angehörigen Hilfe und Unterstützung, Zugang zu wertvollen Informationen und Tipps sowie die Sicherheit eines kompetenten Ansprechpartners, um ein Leben ohne Gluten zu meistern. Eine weitere hilfreiche Anlaufstelle ist der Zöliakie-Treff. In diesem deutschen Online-Forum können sich Betroffene und Angehörige unter Gleichgesinnten austauschen und sich in der Gemeinschaft gegenseitig unterstützen.

Hilfe für Betroffene

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