Der Dreck macht’s
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Warum übertriebene Hygiene sogar ungesund ist
Die Hygienehypothese besagt, dass “Kinder in der Reifungsphase ihres Immunsystems, das heißt in den ersten Lebensjahren, immer wieder Stimuli brauchen. Diese Anregungen kommen von bakteriellen oder viralen Infektionen, oder auch von einer Keimbelastung. Und die führt dazu, dass das Immunsystem in einer Art und Weise heranreift, die verhindert, dass unnatürliche Entwicklungen passieren, nämlich eine Allergie, die eine unnatürliche Immunantwort auf die natürliche Umwelt darstellt.
Die Kinder wird es freuen: Bald geht’s zum Spielen wieder raus – doch da lauert bekanntlich auch der Dreck. Viele Eltern denken, dass hier überall Gefahr lauere. Doch zu viel Hygiene kann genauso schaden.
Kinder, die wenig Kontakt zu Krankheitserregern haben, scheinen häufiger eine Allergie zu entwickeln. Würzburger Forscher versuchen jetzt, mit einer Impfung Infektionskrankheiten zu imitieren, um gezielt Heuschnupfen und Asthma zu verhindern.
Schutz vor Asthma durch Darmwürmer?
Vor mehreren Jahren wurden bereits die Zusammenhänge der so genannten Hygiene-Hypothese (siehe oben) untersucht. Forscher haben herausgefunden, dass in den Entwicklungsländern, wo Allergien sehr selten sind, fast alle Kinder Darmparasiten haben. Hingegen kommen in der westlichen Welt kaum noch Wurmerkrankungen vor. Es ist anzunehmen, dass da ein Zusammenhang besteht und die Wurminfektionen auch bei Menschen vor allergischen Erkrankungen schützen.
Vor ihren Studien mit Würmern hatten die Wissenschaftler im Tierversuch bereits gezeigt, dass an Infektionskrankheiten beteiligte Bakterien und Viren das Risiko für Allergien senken.
Denken Sie um – für ihre Kinder
Kinder sollten – vor allem in den ersten Lebensjahren – oft draußen spielen, herumtoben und sich dabei auch schmutzig machen, damit das Immunsystem genug Gelegenheit bekommt, sich mit Krankheitserregern und anderen Keimen auseinanderzusetzen. Banale, immer wiederkehrende Infekte wie Schnupfen, Husten und Magen-Darm-Infekte sind bei Kindern sogar wichtig. Sie stimulieren die körpereigenen Abwehrkräfte und schützen so auf lange Sicht vor Allergien. Nicht jeder Infekt muss gleich mit Antibiotika behandelt werden. Diese “radikalen” Medikamente sollten nur eingesetzt werden, wenn sie wirklich notwendig sind – zerstören sie doch bei jedem Einsatz einen Großteil der gesunden Darmflora, die hinterher wieder “aufgepeppelt” werden muss. Eine Studie hat bei Kindern, die in den ersten Lebensjahren häufig Antibiotika erhielten, eine erhöhte Allergierate nachgewiesen.
Fazit: Urlaub auf dem Bauernhof
Planen Sie Ihren nächsten Familienurlaub doch mal (wieder) auf einem Bauernhof – da steckt jede Menge gesundes Potenzial drin: Spiel und Spaß für die Kinder, Erholung in der Natur für die Eltern. Leider kann ein lebendiges “Kuscheltier” zu Hause, wie Meerschweinchen, Katze oder Hund den schützenden Effekt nicht erbringen, wie ihn ein auf dem Bauernhof lebendes Kind erfährt. Eine Umfrage ergab, dass auf dem Land nur etwa halb so viele Kinder an Asthma und Heuschnupfen leiden wie in der Stadt. Gemäß der so genannten Hygiene Hypothese lässt sich die rasante Zunahme allergischer Erkrankungen in der westlichen Welt unter anderem auf die verbesserten Hygiene-Bedingungen zurückführen. Kinder werden immer seltener mit Bakterien und anderen Mikroorganismen konfrontiert und bekommen immer seltener Infektionen. Dadurch könnte das Risiko für Allergien steigen.
Sauberhalten ja – Desinfektionsmittel nein
Der Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt ist grundsätzlichüberflüssig. Die Reinigung mit herkömmlichen Mitteln reicht nach Ansicht des Umweltbundesamtes (UBA), des Bundesinstitutes für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) und des Robert-Koch-Institutes (RKI) aus, um die Hygiene sicherzustellen. Auch die Anwendung von “antibakteriellen Produkten”, wie Allzweckreiniger, Handspülmittel, Toilettenpapier, Zahncremes oder sogar Textilien ist unter normalen Umständen weder notwendig noch sinnvoll. Es ist sogar widersprüchlich, sich selbst oder sein Zuhause aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes noch zusätzlich mit Chemikalien zu belasten. Der Einsatz von desinifizierenden Produkten ist ausschließlich auf ärztlichen Rat zu empfehlen.
Vorsicht: Falsche Sicherheit
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin hält den Einsatz von antibakteriell wirkenden Mitteln im Haushalt – über die Beschichtung von Kühlschränken hinaus – grundsätzlich für überflüssig, zumal sie den Verbraucher leicht in falscher Sicherheit wiegen können. Die Verbesserung des persönlichen Hygieneverhaltens und des sachgemäßen Umgangs mit Lebensmitteln hat bei der Vermeidung von Lebensmittelinfektionen einen weitaus größeren Nutzen. Herkömmliche Reinigungsverfahren mit Wasser – falls nötig auch mit Fett oder Eiweiß lösenden Mitteln – reichen aus, um Verschmutzungen auf ein gesundheitlich unbedenkliches Maß zu reduzieren.
Die Wäsche wird auch ohne Desinfektion sauber
Der Einsatz von “antibakteriellen” Waschmitteln beim häuslichen Wäschewaschen ist unnötig. Bereits der normale Waschgang (richtige Temperaturwahl, Dosierung des Waschmittels und keine Überladung etc. vorausgesetzt) und eine gute Trocknung hinterher, reichen vollkommen aus, damit die Wäsche keine Infektionen überträgt.
Die Kehrseite der “antibakteriellen” Produkte
Der tägliche Einsatz von “antibakteriellen” Produkten kann sogar zum Risiko werden, da die verwendeten Stoffe unter Umständen allergische Reaktionen hervorrufen können und sogar zu Resistenzbildungen bei den Mikroorganismen führen. Die überflüssige Verwendung von Chemikalien belastet zudem die Umwelt unnötig und sollte schon deshalb unterbleiben. Die beworbenen antibakteriell ausgerüsteten Produkte sind also schlicht überflüssig. Unter dem Strich sind als “antibakteriell” beworbene Produkte im Normalfall überflüssig und bergen sogar eher die Gefahr, von entscheidenden Hygienemaßnahmen abzulenken.
Hygienisch = antibakteriell?
Ausgehend von der eigentlichen Wortbedeutung (grch. hygieinos = heilsam oder der Gesundheit zuträglich) ist schon verwunderlich, dass hygienisch oft mit antibakteriell gleichgesetzt wird.
Wir Deutsche haben zwar manchmal ein etwas zu inniges Verhältnis zum Thema Sauberkeit und Hygiene, aber das hat auch sein Gutes. Denn es kommt schließlich nicht von ungefähr: Robert Koch legte 1882 mit der Entdeckung der Tuberkel- und Cholera-Erreger den Grundstein für die moderne Bakteriologie und verwies damit bis dahin unheilbare Krankheiten in ihre Schranken. Allerdings würde er angesichts der heute herrschenden Produkt- und vor allem Inhaltsstoffvielfalt im normalen Haushalt sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen,
was wir alles aus vermeintlich hygienischen Gründen heutzutage benutzen!
