Dreck lass nach?
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Dreck lass nach?
Warum Schmutz und bestimmte Krankheitserreger die Gesundheit sogar fördern können
Stellen Sie sich vor: Ein Kind hüpft durch Schlamm und Pfützen, stapft durch den Matsch oder wühlt fröhlich mit beiden Händen im heimischen Sandkasten. Was bei vielen Eltern regelrechte Panikattacken und den reflexartigen Griff zum Sagrotantuch auslöst, ist in Maßen sogar unentbehrlich für die Gesundheit. Warum Schmutz und Dreck durchaus positive Effekte haben können, erklärt Ihre BKK VICTORIA-D.A.S. in diesem Artikel.
Klar, in Schmutz, Schlamm und Dreck lauern Krankheitserreger. Doch sollte man Kindern den Kontakt damit deshalb grundsätzlich verbieten? Forscher meinen: eher nein. Denn übertriebene Hygiene und zu viel Fürsorge kann genau den gegenteiligen Effekt haben. Wie die Wissenschaftler herausgefunden haben, neigen Kleinkinder, die wenig Kontakt zu Krankheitserregern und Keimen haben und in einer möglichst sterilen Umgebung aufwachsen, häufiger zu Allergien. Auch das Risiko für Asthma oder Neurodermitis steigt bei ihnen an. Als Resultat daraus versuchte beispielsweise eine Würzburger Forschungsgruppe, per Impfung Infektionskrankheiten zu imitieren, um gezielt Heuschnupfen und Asthma zu verhindern.
Training fürs Immunsystem
Englische Forscher gehen in eine ähnliche Richtung. Sie haben einen Asthma-Impfstoff aus toten Bodenmikroben entwickelt. Auch ihre Forschungen fußten auf dem Grundsatz: Dreck in Maßen kann gesund sein. Rein historisch betrachtet, verwundert das kaum. Immerhin lebte der Mensch bis vor wenigen Jahrhunderten größtenteils sprichwörtlich im Schmutz, inmitten von Bakterien und Keimen. Das dadurch entstandene, archaische Immunsystem hat jedes Baby noch in sich. Wird das System jedoch nicht trainiert beziehungsweise aktiviert, kann es später leicht überreagieren. Dann sorgen schon harmlose Pollen für heftige Reaktionen in Form von Schnupfen, tränenden Augen und im schlimmsten Fall schweren Atembeschwerden. Einen Vorteil haben hier Kinder, die auf dem Land – speziell auf Höfen – aufwachsen. Denn hohe Keimkonzentrationen, etwa im Viehstall, scheinen Allergien entgegenzuwirken.
Sauberhalten ja – Desinfektionsmittel nein
So wichtig Hygiene also grundsätzlich auch ist: Desinfektionssprays im Privathaushalt müssen nicht sein. Die Reinigung mit herkömmlichen Mitteln reicht nach Ansicht des Umweltbundesamtes vollkommen aus, um ein sauberes Heim zu gewährleisten. Auch die Anwendung antibakterieller Allzweckreiniger oder Spülmittel ist unter normalen Umständen weder notwendig noch sinnvoll. Es ist sogar widersprüchlich, sich noch zusätzlich mit Chemikalien zu belasten. Das Deutsche Grüne Kreuz weist darauf hin, dass Desinfektion im Privathaushalt mit dem Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft vergleichbar ist. Viele Inhaltsstoffe töten zwar Mikroorganismen und Bakterien ab, können dem Körper aber schaden – speziell, wenn Kinder desinfizierte Gegenstände in den Mund nehmen oder mit ihnen spielen. Auch muss nicht jeder Infekt gleich mit Antibiotika behandelt werden. Denn die Medikamente zerstören nicht nur Krankheitserreger, sondern zumeist auch einen Großteil der gesunden Darmflora, die sich hinterher mühsam wieder aufbauen muss. Eine Studie hat bei Kindern, die in den ersten Lebensjahren häufig Antibiotika erhielten, eine erhöhte Allergierate nachgewiesen. Zudem besteht bei häufiger Nutzung die Gefahr einer Resistenz der Erreger gegen die Medikamente.
Schmutz ist nicht gleich Schmutz
Kinder sollten sich deshalb vor allem in den ersten Lebensjahren beim Spielen ruhig auch mal schmutzig machen. So bekommt der Körper ausreichend Gelegenheit, sich mit Krankheitserregern und Keimen auseinanderzusetzen. Abwehrkräfte werden stimuliert, das Immunsystem ist für den Ernstfall weitaus besser gerüstet. Aber Achtung: Wie bei allem ist auch bei der Hygiene das richtige Maß entscheidend. Mülltonnen oder Tierkot beispielsweise sind aufgrund aggressiver Keime, Schimmelsporen oder Fuchsbandwurm echte Gefahrenquellen und zu Recht tabu. Auch bei der Ernährungshygiene gilt: Vorsicht vor Salmonellen und Lebensmittelvergiftungen. Fleisch – speziell Geflügel – sowie Obst und Gemüse gehören vor dem Kochen gut abgewaschen. Spülschwamm und Putzlappen sollten regelmäßig gewechselt, Abfalleimer und Kühlschrank gereinigt werden. Wer diese einfachen Tipps beherzigt, schafft auch ohne übertriebene Maßnahmen ein hygienisch einwandfreies Umfeld für sich und seine Kinder. Ganz ohne antibakterielle Reiniger.
