Kinderleicht Kreativität ankurbeln

Kinderleicht Kreativität ankurbeln

Kinder nehmen ihre Umgebung anders wahr. Doch von ihrer Weltsicht können auch Erwachsene profitieren

Kinder erschaffen sich oft ihre ganz eigene Realität. Sie leben als Könige, Feen und Ritter, trinken imaginären Tee oder reiten auf unsichtbaren Tigern durch den Raum. Auf den ersten Blick scheint das vielen Erwachsenen wie sinnloser Unfug. Dennoch können wir von dieser Art zu denken unglaublich viel lernen.

Kinder sind uns zutiefst vertraut und gleichzeitig fremd, meint etwa die Autorin Alison Gopnik. Manchmal scheinen sie in einer geradezu anderen Welt zu leben: Sie erfinden unsichtbare Freunde, handeln auf für uns kaum nachvollziehbare Weise und können eine erstaunliche Empathie aufbringen. Letzteres gilt sogar für Phänomene, die sie selbst noch gar nicht erlebt haben – etwa, wenn sie einem hungrigen Bettler ihren Lolli anbieten.

Speziell die Unter-Sechsjährigen sind uns in der Regel ein Rätsel. Können wir dennoch von ihnen lernen? Wenn es nach Gopnik geht, auf jeden Fall. Denn neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass die (kindliche) Vorstellungskraft es erst möglich macht, das eigene Handeln ein Stück weit zu überdenken.

Aus Unmöglichem Fortschritt machen

Was heißt das konkret? Kinder leben oft in Phantasiewelten. Wir würden sie Träume, Pläne oder Fiktionen nennen. Denn anders als arbeitende Erwachsene, spielen Kinder in der Regel auf den ersten Blick meist ohne „tieferen“ Sinn. Ohne offensichtliche Funktion oder Zielsetzung stapeln sie Bauklötze, drücken Knöpfe oder geben vor, Ninjas und Prinzessinnen zu sein.

Kindliches Verhalten eben. Aber weshalb sollte es für Erwachsene interessant sein? Die Antwort ist verblüffend: Weil es helfen kann, Technologien, Moden und Wissenschaften voranzubringen. Denn die oben beschriebenen Prozesse sind es, die später Romane, Theaterstücke, Kunst und Musikkompositionen ermöglichen. Gerade Kreative und Macher, Menschen, die Innovation und Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben haben, malen sich oft zunächst aus, wie die Welt beschaffen sein könnte. Und überlegen dann Möglichkeiten, wie man den Status quo dahingehend ändern kann.

Kreativität muss her? Lass das Kind in dir raus!

Kinder sind nicht einfach nur Mini-Versionen von Erwachsenen. Sie sind zwar einerseits abhängig von Eltern und Umgebung, andererseits extrem flexibel und anpassungsfähig. Und sie haben die Zeit, nicht viel anderes zu tun, als zu lernen. „Kinder sind Phantasten, die fürs Brainstorming zuständig sind“, so Gopnik. „Sie machen die Entdeckungen, wir setzen sie um.“

Das scheinbar kindliche Nachdenken über „Was-wäre-wenn“-Szenarien formt unsere Persönlichkeit ein Leben lang. Es hilft im Geschäftsleben wie im Privaten, aus Fehlern oder Gelungenem zu lernen, sich weiterzuentwickeln und zukünftige Entscheidungen zu treffen. Rein evolutionär betrachtet erlaubt uns diese Art zu denken, die Zukunft zu ändern – weil wir in der Lage sind, uns alternative Szenerien auszumalen. Wir ersinnen so neue Pläne, designen neues Werkzeug, erfinden neue Techniken. Was würde geschehen, wenn die Rohstoffe ausgehen? Was, wenn man auf dem Mond Wasser fände oder zum Mars fliegen könnte?

Kindliches Denken formt die Zukunft

Verschiedene Möglichkeiten zu antizipieren und den Kopf zu gebrauchen, ist letzten Endes weit zielführender als das reine Ausprobieren auf gut Glück. Und die grundlegenden Fähigkeiten, so zu denken, lernen wir als Kinder und von Kindern. Selbst Babys, die noch nicht sprechen können, sind in der Lage, sich beim Spielen in einer „alternativen Welt“ mit einem Bleistift hingebungsvoll die Haare zu kämmen – indem sie ihn handhaben, als sei er ein Kamm.

Dass „Kind“ und „Erwachsener“ trotz aller Unterschiede keineswegs komplett getrennte Welten sind, zeigt sich beispielsweise auch in der Literatur: J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ oder Lewis Carolls „Alice im Wunderland“ beispielsweise wurden für Kinder geschrieben. Zugleich faszinieren die Bücher seit Jahrzehnten auch Millionen Erwachsene weltweit. Warum? Weil sie die Phantasie anregen und so – laut Gopnik – „den Sinn für das Mögliche“ schärfen, egal ob realistisch oder nicht. Um Möglichkeiten zu entdecken, muss man den Blick nach vorne richten. Insofern können wir in Wissenschaft und Alltag von Kindern noch viel lernen.

Lesetipp

Untersuchungen zu kindlichem Denken und was Erwachsenen davon lernen können, finden sich u.a. hier:

Alison Gopnik: Kleine Philosophen
(Ullstein Verlag).
ISBN-13: 978-3548373638
9,95 Euro