ADHS ist weder Mode- noch Kinderkrankheit

Auch im Erwachsenenalter bleiben viele Betroffene therapiebedürftig

ADHS? Das gab es doch früher nicht! Das ist nur wieder so eine Modeerscheinung!“ Doch leider stimmt das nicht. Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, ist eine medizinische Krankheitsbezeichnung für ein Störungsbild mit der Kombination von Aufmerksamkeitsschwäche, überschießender Impulsivität und oft extremer Unruhe (Hyperaktivität).

Folgen sind verstärktes Störverhalten, unsystematische und langsame Aufgabenlösung, Ablenkbarkeit und geringe Frustrationstoleranz. Nicht jedes „hyperaktive“ Kind muss dauernd zappeln, aber alle Kinder fallen aus dem Rahmen, sowohl in der Schule als auch im häuslichen Umfeld. Meist ist ihr Verhalten störend und bereitet Eltern, Erziehern und nicht zuletzt den Kindern und Jugendlichen selbst erhebliche Schwierigkeiten.

Die Symptome einer ADHS waren aber schon lange beschrieben, bevor diese gefunden wurde. Erste Belege reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück zum Leibarzt von Kaiser Napoleon I. Der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann beschrieb die Symptome eher anekdotisch 1845 in seinem Struwwelpeter.

Die bei Hoffmann dargestellten Auffälligkeiten wurden im 19. Jahrhundert von Ärzten als die häufigste Seelenstörung im Kindesalter bezeichnet. Heute sagen Experten, ADHS sei die häufigste kinder- und jugendpsychiatrische Störung. Rund 5 Prozent der Kinder sind betroffen, das heißt rund 500.000 Menschen zwischen sechs und 18 Jahren.

Es handelt sich übrigens keineswegs um ein Erscheinungsbild, das nur in den westlichen Ländern vorkommt. Das Problem wird weltweit beobachtet und erforscht. Dennoch ist bisher keine Heilung bekannt. Zwar verändern sich die Erscheinungsformen mit dem Älterwerden, so verliert sich in der Pubertät meist die überschießende Motorik und macht einer gewissen Passivität Platz, aber auch bei jungen Erwachsenen bleibt das Problem bestehen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde geht davon aus, dass zwischen 2,5 bis 4 Prozent aller Erwachsenen an ADHS leiden.

Ist die Intelligenz bei ADHS beeinträchtigt?

Nein! Die Spannbreite der Intelligenz dieser Kinder und Jugendlichen entspricht der von Kindern ohne Aufmerksamkeitsstörungen. Meistens können sie jedoch wegen der genannten Beeinträchtigungen ihr Leistungspotenzial nicht ausschöpfen und erzielen deshalb nicht die ihnen eigentlich möglichen Leistungen.

Welche Ursachen liegen ADHS zuGrunde?

Eine mangelnde Hemmung von Impulsen behindert das dauerhafte Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit, den Aufbau von Motivation und den Zugriff auf vorhandene Fähigkeiten. Dies führt zu Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität und Hyperaktivität. Diese Symptome der Selbststeuerungsschwäche lösen bei der Umgebung negative Reaktionen aus. Bedeutsam ist dabei auch, dass relativ häufig Eltern selbst von ADHS betroffen sind.

Durch äußere Gegebenheiten können die Symptome der Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität verstärkt werden, z. B. durch zu geringe Zuwendung, Inkonsequenz, fehlende Regeln, hohe Eigenbelastung der Eltern, durch Krankheit, hektische Umwelt, geringe Bewegungsmöglichkeiten oder Zeitdruck.

Sind Mädchen und Jungen gleichermaßen von ADHS betroffen?

Auf ein hyperaktives Mädchen kommen drei bis sechs hyperaktive Jungen. Von ADHS betroffene Mädchen sind seltener ausgeprägt zappelig. Bei ihnen steht meistens die Aufmerksamkeitsstörung im Vordergrund. Daher fallen sie weniger leicht auf, sodass die Störung bei Mädchen seltener und meist später erkannt wird als bei Jungen.

Tipps für Eltern

Eltern, die den Verdacht haben, ihr Kind leide an ADHS, sollten unbedingt eine sichere Diagnose über den Kinderarzt einholen. Durch ihre Erziehung können Eltern die Auswirkungen von ADHS und das Verhalten der Kinder beeinflussen:

1. Nehmen Sie die guten Seiten Ihres Kindes wahr.
Bestärken Sie es darin. Das hilft Ihnen, auch schwierige Phasen zu überbrücken. Zeigen Sie dem Kind, dass Sie es mögen.

2. Loben Sie Ihr Kind.
Ihrem Kind fällt es schwerer als anderen Kindern, Regeln einzuhalten und Aufgaben zu Ende zu bringen. Loben Sie es deshalb immer, wenn ihm das gelingt. Positive Verstärkung fördert erwünschtes Verhalten.

3. Stellen Sie klare Regeln auf.
Regeln geben Ihrem Kind Halt, Orientierung und Sicherheit. Stellen Sie gemeinsam erfüllbare Familienregeln auf. Setzen Sie klare Grenzen.

4. Eindeutige Ich-Botschaften.
Sprechen Sie klar, eindeutig und dem Kind zugewandt, zum Beispiel: „Ich möchte, dass Du alle Legos in die rote Kiste räumst!“ Anschließend kontrollieren! Teilen Sie dabei Aufgaben in kleinere, möglichst erfüllbare Abschnitte ein. Also nicht: „Räum dein Zimmer auf!“

5. Bemühen Sie sich um eine verlässliche Tagesstrukturierung und pflegen Sie Rituale.
Dadurch kann sich das Kind im Tagesverlauf besser orientieren und weiß eher, wann welches Verhalten erwünscht ist.

6. Wenn Ihr Kind eine Regel übertritt, reagieren Sie immer konsequent und unmittelbar.
Angemessene negative Sanktionen bei unerwünschtem Verhalten sind zum Beispiel eine Auszeit.

7. Versuchen Sie Probleme vorherzusehen.
Manche Situationen sind bei Kindern mit ADHS besonders problematisch, beispielsweise Besuch oder Hausaufgaben. Vereinbaren Sie vorher rechtzeitig Regeln für diese Situationen sowie Belohnungen bei Erfolg.

8. Behalten Sie die Geduld und Übersicht.
Haben Sie Verständnis für die Besonderheiten im Verhalten des Kindes. Versuchen Sie ruhig zu bleiben, den inneren Abstand und Geduld zu bewahren.

9. Nichts erzwingen.
Vermeiden sie Diskussionen, wenn die Emotionen überkochen. Geben Sie sich und Ihrem Kind eine Auszeit, verlassen Sie nötigenfalls das Zimmer, um das Problem später mit mehr Gelassenheit zu lösen.

10. Tun Sie etwas für sich selbst.
Kinder mit ADHS kosten viel Kraft. Achten Sie auf Ihre eigenen Bedürfnisse und dass Sie ausreichend Zeit zur Entspannung haben. Davon profitiert auch Ihr Kind.

Quelle: Deutsches Grünes Kreuz e.V., www.ag-adhs.de